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Ist Streaming der Untergang für Bands?

Begonnen von Sascha89, 20. Januar 2026, 17:54:49

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Sascha89

ZitatDas Vermächtnis des Daniel Ek

Warum Spotify nicht dein Problem ist und warum es trotzdem nicht dein Geschäftsmodell ist

Daniel Ek sitzt in Stockholm und scrollt durch Hass. Morddrohungen. ,,Künstlermörder". Screenshots von Abrechnungen: 0,003 Dollar pro Stream. Er kennt die Zahlen. Er hat sie mitgebaut. Was er nicht versteht: Warum hassen sie ihn?

Ich sag euch warum: Weil es einfacher ist, einen schwedischen Tech-Bro zu hassen, als ein System zu verstehen, das seit Jahrzehnten nach denselben Regeln funktioniert. Daniel Ek ist nicht der Architekt der Musikausbeutung. Er ist ihr jüngster Exponent. Und das ist keine Verteidigung. Das ist eine Diagnose.

Spotify hat nichts zerstört, es hat nur sichtbar gemacht, was immer schon da war

Bevor ich über Spotify rede, muss ich über das reden, was Spotify angeblich zerstört hat: das ,,goldene Zeitalter der Musikindustrie". Ihr wisst schon: Als Künstler noch Künstler waren. Als Musik noch Wert hatte. Als man mit CDs reich wurde.

Lasst mich euch eine Geschichte erzählen.

TLC: 14 Millionen verkaufte Alben – und trotzdem pleite

1994, Atlanta. TLC veröffentlicht CrazySexyCool. Vierzehn Millionen verkaufte Exemplare. Ein Welterfolg. Und am 3. Juli 1995 melden alle drei Insolvenz an.

Wie ist das möglich? Weil sie pro verkauftem Album 56 Cent bekamen. Aufgeteilt auf drei Personen. Von dem, was nach außen wie Reichtum aussieht, bleibt innen oft nur Schuldenverwaltung.

Left Eye sagte damals: ,,Wir sind die meistverkaufte amerikanische Frauengruppe aller Zeiten. Aber wenn man die Künstlerin mit der niedrigsten Einnahme pro verkauftem Album sucht, liegt man bei uns genau richtig."

Das war kein Unfall. Das war das System.

Prince hat es verstanden. Zu spät.

Er unterschrieb seinen ersten Vertrag mit 18. Die Abtretungsklausel übertrug Warner seine Masters – für immer. Als er es begriffen hatte, war er gefangen. Von 1994 bis 1996 erschien Prince bei jedem öffentlichen Auftritt mit dem Wort ,,SLAVE" auf der Wange. Er änderte seinen Namen in ein Symbol, um seiner vertraglichen Identität zu entkommen. Erst 2014 – durch ein 35-jähriges Kündigungsrecht im US-Copyright – bekam er seine Aufnahmen zurück.

Das sind keine Ausnahmen. Das sind die Regeln.

Das System hieß nie ,,Musik" – es hieß Distribution

Die Mathematik dahinter nannte sich Recoupment. Du bekommst einen Vorschuss. Klingt wie Unterstützung. In Wahrheit ist es ein Kredit – nur ohne Fairness. Studio, Produzent, Video, Promo: alles wird vorgestreckt. Und alles wird von deinem Anteil abgezogen.

Das Label verdient fünf- bis sechsmal so viel an einem Album wie du – aber deine Schulden werden aus deinem kleinen Anteil bezahlt.

Und jetzt kommt der Satz, der alles erklärt: Die meisten recoupen nie.

Das heißt: Du hast gearbeitet. Du warst ,,Künstler". Und trotzdem hat das System vorgesehen, dass du am Ende nichts siehst.

Spotify hat das nicht erfunden. Spotify hat nur den Spiegel aufgehängt. Und ja – ich weiß, das liest sich gerade wie ein schlechter Witz. Ist es auch.

Früher gab es Gatekeeper. Heute gibt es Buttons.

,,Früher gab es noch echte Discovery", sagen die Nostalgiker. Radio. MTV. Tastemaker. Aber die alte Welt war nicht romantisch. Sie war nur analog.

Payola ist kein Mythos. Payola ist Geschichte. DJs wurden bezahlt, um Songs zu spielen. Später wurde das Ganze professioneller verpackt, aber das Prinzip blieb: Wer Distribution kontrolliert, kontrolliert Karrieren.

Spotify hat diese Gatekeeper nicht abgeschafft. Spotify hat sie digitalisiert.

Daniel Ek hat kein System gegen die Labels gebaut. Er hat eins mit ihnen gebaut.

Was viele vergessen: Die Major-Labels waren bei Spotify von Anfang an nicht nur Lizenzpartner – sie waren Mitbesitzer. Die Labels, die sich öffentlich über Spotify beschweren, verdienen an Spotify doppelt: einmal über Lizenzen, einmal über Beteiligungen.

Das ist kein ,,David gegen Goliath". Das ist Goliath mit neuer App.

Die Ausbeutung hat jetzt ein Dashboard

Die Spotify-Debatte scheitert oft an einem Denkfehler: ,,Spotify zahlt zu wenig." Spotify zahlt – nur nicht an dich. Spotifys grobe Aufteilung ist bekannt: Plattform behält ungefähr 30%, der Rest geht an Rechteinhaber.

Aber ,,Rechteinhaber" heißt nicht automatisch: Künstler. Und genau da liegt der Haken: Die Ausbeutung ist nicht neu. Sie ist nur sichtbar geworden. Früher hast du unterschrieben und gehofft. Heute loggst du dich ein und siehst es in Echtzeit.

0,003 Dollar pro Stream. Die Ungerechtigkeit hat jetzt ein Interface. Ich übertreibe nicht. Ich beschreibe nur.

Discovery Mode: Payola, aber effizient

Spotify ist nicht unschuldig. Im Gegenteil: Spotify hat alte Mechanismen perfektioniert. Das beste Beispiel ist Discovery Mode. Du markierst Songs als ,,Priorität". Spotify bevorzugt sie in Autoplay und Radio. Im Gegenzug akzeptierst du eine niedrigere Auszahlung.

Du bezahlst also dafür, gehört zu werden. Mit Geld, das du sowieso kaum hast. Früher war Payola ein Umschlag. Heute ist es ein Feature. Der Fortschritt ist real. Er geht nur in die falsche Richtung.

Die 1000-Streams-Schwelle: Wenn du nicht groß genug bist, existierst du nicht

Spotify hat außerdem eine Regel eingeführt, die wie ein technisches Detail klingt – aber eine klare Botschaft ist: Tracks müssen eine bestimmte Mindestzahl an Streams erreichen, um überhaupt Geld zu generieren.

Die Botschaft dahinter ist brutal simpel: Wenn du nicht groß genug bist, existierst du nicht. Das ist keine Demokratisierung. Das ist Darwinismus mit Dashboard.

Und trotzdem: Das System hat Risse. Und durch diese Risse kommt Licht.

Jetzt könnte ich hier aufhören. Mit einem Appell: ,,Fuck Spotify. Kauft CDs." Aber das wäre bequem. Und auch falsch.

Denn hier ist die Wahrheit, die beide Seiten nicht mögen: Das System ist unfair – aber es ist heute zum ersten Mal umgehbar. Nicht komplett. Nicht romantisch. Nicht ohne Arbeit. Aber möglich.

Amanda Palmer hat es vorgemacht. 2012 sammelte sie auf Kickstarter 1,2 Millionen Dollar für ein Album. Ohne Label. Heute hat sie zehntausende zahlende Unterstützer auf Patreon – direkt von Fans, die ihre Arbeit finanzieren wollen. Keine Plattform-Kette dazwischen, die am Ende den Großteil abschöpft. Keine Rechteinhaber, die nicht sie selbst sind.

Bandcamp hat seit 2008 über 1,6 Milliarden Dollar direkt an Künstler ausgezahlt. 82% Künstleranteil. Auszahlung in 24–48 Stunden.

Direct-to-Fan ist keine Utopie mehr. Es ist Infrastruktur. Streaming ist Discovery. Einkommen kommt von Menschen, die dich direkt bezahlen wollen.

Die AI-Frage: Der nächste Kampf um Kontrolle

Und jetzt kommt das Thema, das alle nervös macht: AI. Suno. Udio. Tools, die auf Zuruf Songs erzeugen. Marktüberflutung. Entwertung. Beliebigkeit. Aber auch: Prototyping. Kostenreduktion. Neue Formen von Storytelling.

AI wird nicht verschwinden. Die Frage ist nicht ob, sondern wer die Infrastruktur kontrolliert. Wenn Universal und Spotify AI kontrollieren, wird AI ein Werkzeug der Konzentration. Wenn Künstler AI kontrollieren, wird AI ein Werkzeug der Emanzipation. Der Kampf hat gerade erst begonnen.

Was Daniel Ek wirklich hinterlässt

Daniel Ek hat Streaming nicht erfunden. Aber er hat es normalisiert. Er hat ein System gebaut, das Milliarden Menschen nutzen. Ein System, das die Musikindustrie vor der Piraterie gerettet hat – indem es Piraterie legalisiert und monetarisiert hat.

Was er nicht getan hat: Ausbeutung beenden. Er hat sie effizienter gemacht.

Und hier liegt die Ironie: Indem Spotify so transparent unfair ist, macht es Alternativen sichtbar. Früher wusstest du nicht, wie schlecht dein Deal ist, bis du bankrott warst. Heute weißt du es sofort. Und aus diesem Wissen entstehen Gegenmodelle.

Das Vermächtnis von Daniel Ek ist paradox: Er hat ein System perfektioniert – und gleichzeitig seine Umgehung populär gemacht.
Was jetzt?

Hört auf, Daniel Ek zu hassen. Er ist ein Symptom, nicht die Krankheit. Versteht, dass ,,früher war alles besser" eine Lüge ist. Früher war es nur unsichtbarer.

Baut eure eigene Infrastruktur. Spotify ist für Discovery. Nicht für Einkommen. Diversifiziert. Streaming ist eine Einnahmequelle – selten die wichtigste. Organisiert euch. Druck ist möglich. Regeln sind veränderbar.

Und nutzt Tools, bevor Tools euch nutzen. AI wird kommen. Die Frage ist: für wen arbeitet sie?

Vor dreißig Jahren habe ich angefangen, Musik zu machen in einer Welt, in der Labels alles kontrollierten. Diese Welt ist weg. Die neue Welt ist nicht fair. Aber sie ist durchlässiger. Das System wird nie gerecht sein. Aber zum ersten Mal kannst du es umgehen. Nicht komplett. Nicht einfach. Aber möglich.

Ich hab lang genug geglaubt, ein Deal wäre die Abkürzung. Heute weiß ich: Abkürzungen führen oft nur schneller in die Abhängigkeit.

Die Frage ist nicht, ob du das System ändern kannst. Die Frage ist, ob du dein eigenes baust.

MC Rene, Januar 2026

Quelle: MC Rene - Facebook


Der werte Herr postet immer wieder Kritik zur Musikindustrie und Alternativen.
Ziemlich interessant und gut, wie ich finde.

That's your moral compass but what good is it to me?

CAFÉ CENTRAL WEINHEIM
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supere10

Man sollte nicht vergessen, dass man Ek jetzt auch hasst, weil er sein verdientes Geld in Militärwaffen steckt.

Gabumon

Und ICE und Trump Supportet, der hass ist da schon an der richtigen Adresse

«Das Internet? Gibts diesen Blödsinn immer noch?»
Homer Simpson, Sicherheitsinspektor im Kernkraftwerk Springfield.